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Zauber des Anfangs – Amtseinführung am Samstag, 12. Juni 2021 im Rosengärtchen

eigen
Pfr Frank Seickel mit Ehefrau Nina

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“, schrieb der 64-jährige Hermann Hesse in einem seiner berühmtesten Gedichte, „Stufen“. Skeptischer äußerte sich die österreichische Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger gegen Ende ihres Lebens: „Es gibt keinen neuen Anfang, nur Fortsetzungen auf einem Weg, der zusehends schmaler wird. Der nächste Ankunftsort besteht, wie die vorigen, aus dem Jetzt und dem Damals.“


Seit dem 11. Mai wohne ich mit meiner Frau Nina Seibert und den beiden Katern Fauch und Tati im schönen Ober-Ingelheimer Pfarrhaus. Noch ist alles mit Umzugskartons verstellt, obwohl wir jeden Tag fleißig auspacken. Ja, und dann muss man sich erinnern: „Wo haben wir es hin geräumt?“ Abläufe der alltäglichen Routine geraten gründlich durcheinander durch einen Umzug. Dadurch entsteht aber auch Raum für Grundsatzüberlegungen: „Brauchen wir das wirklich alles, was in den Schachteln drin ist?“ In den meisten Fällen kommt es – aus sentimentalen Gründen – dennoch nicht zu einer spontanen Trennung. Dafür ist das Haus auch wieder zu geräumig …


Für Hermann Hesse ging der „Zauber“ freilich vor allem von den Menschen aus, die neu in sein Leben getreten sind. Auch für mich als Ihren neuen Pfarrer wird es darum gehen, mit Ihnen bekannt zu werden, Ihr Vertrauen zu gewinnen, Sie nach Möglichkeit nicht zu enttäuschen. Letzteres wird vielleicht nicht immer ganz gelingen – dafür sind wir alle fehlbare Menschen. Und oft sind auch die Erwartungen zu unterschiedlich. Doch haben Sie und ich das Glück, dass die Burgkirchengemeinde eng mit den anderen Ingelheimer Kirchengemeinden zusammenarbeitet, und es somit zu einem Austausch der unterschiedlichen Begabungen kommt. Diesbezügliche Konzepte werden in der nächsten Zeit gewiss noch weiterentwickelt. Auch freue ich mich auf das Engagement der Ehrenamtlichen, ohne das die vielfältigen Aufgaben einer großen Kirchengemeinde wohl kaum zu bewältigen wären. Momentan keimt die Hoffnung, dass die coronabedingten Einschränkungen nach und nach zurückgenommen werden. Allmählich könnte dann wieder etwas mehr „Normalität“ in das kirchliche Leben Einzug halten. Wichtig wäre das nicht zuletzt für den neuen Konfirmand*innen-Jahrgang, für den es eine größere Zahl von Anmeldungen gibt. Trotz guter Ideen, die in den letzten Monaten entwickelt wurden, lässt sich gerade dieses intensive Jahr eines „Kirchenpraktikums“ nur schwer rein „virtuell“ vermitteln.


Viele Wahlbriefe gehen zurzeit im Gemeindebüro ein. Am 13. Juni werden wir wissen, wer dem neuen Kirchenvorstand angehört. Schon jetzt danke ich allen, die sich zu einer Kandidatur bereiterklärt haben. Für die, die nicht die erforderliche Anzahl der Stimmen erhalten, wünsche ich mir, dass sie sich an einer Stelle im Gemeindeleben einbringen können, die sie nicht als „Trostpreis“ empfinden. „Arbeiter*innen im Weinberg des Herrn“ gibt es nämlich niemals genug!


Auch „mulmige“ Gefühle können mit Neuanfängen verbunden sein. Das beobachte ich momentan vor allem bei unseren beiden Katern: Einerseits möchten sie – entgegen dem Rat erfahrener Tierärzte – bereits jetzt die neue Umgebung als „Freigänger“ ohne Einschränkung erkunden. Andererseits verkriechen sie sich in die letzte Ecke, wenn die mächtigen Stimmen der ortsansässigen Ober-Ingelheimer Kater an ihre Ohren dringen. Da – so schwant ihnen – kommt offenbar noch einiges auf sie zu …


In den letzten Wochen im Taunus sagte ich scherzhaft: „In Ingelheim werde ich Probleme haben, die ich jetzt noch gar nicht kenne.“ In alten Zeiten haben die Menschen mit mancherlei „abergläubischen“ Praktiken versucht, die „Gefahren“ eines neuen Anfangs in den Griff zu bekommen: Einen bestimmten Tag sollte man wählen, auf den Mond achten, ins neue Haus zuerst die Katze hineingehen lassen, als Geschäftsmann den ersten Kunden auf keinen Fall wegschicken. Das traditionelle Geschenk von Brot und Salz, das uns zum Einzug – zu unserer großen Freude – überreicht wurde, drückt nicht allein den Wunsch aus, dass diese beiden Grundnahrungsmittel im neuen Heim niemals ausgehen sollen. Zugleich vermitteln sie Kraft und Stärke. Und dem Salz kommt nach altem Verständnis zusätzlich noch die Bedeutung der Schadensabwehr zu: Angeblich soll der Teufel kein Salz mögen.

Jesus selbst spricht vom „Brot des Lebens“ und uns Christen bezeichnet er als das „Salz der Erde“. Etwa zu der Zeit, als das Ober-Ingelheimer Pfarrhaus gebaut wurde, vor 350 Jahren dichtete der sächsische Pfarrer Samuel Liscow ein Lied, das noch heute in unserem Kirchengesangbuch steht. Vielleicht können wir es bald einmal wieder miteinander singen. Denn es passt sehr gut zu einem neuen Pfarrer in einer Gemeinde mit viel Tradition: „In Gottes Namen fang ich an, was mir zu tun gebühret. Mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen tut, ist allenthalben recht und gut und kann uns auch gedeihen.“

Ihr Pfarrer Frank Seickel

Losung und Lehrtext für Sonntag, 05. Dezember 2021
Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. Psalm 86,11
/Jesus spricht:/ Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich. Johannes 14,6
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